Wirtschaftsfaktor Volksfest
Zunächst ein paar Sätze über den Verein reisender Schausteller
Ostfriesland e.V. Der Verein hat seinen Sitz in 26789 Leer, Logabirumer Straße 80,
und vertritt ca. 120 Schaustellerinnen und Schausteller.
Dabei werden Volksfeste, Märkte usw. überwiegend im Raum zwischen Nordseeküste und bis
weit in den Landkreis Emsland beschickt. Zusätzlich sind die ostfriesischen Schausteller
auch auf Großveranstaltungen wie z.B. Bremer Freimarkt, Oldenburger Kramermarkt usw.
vertreten.
Im Jahr 2007 werden vom Schaustellerverein 97 Volksfeste, Jahrmärkte und dergl. im
gesamten nördlichen Bereich beschickt.
Der Schaustellerverein ist Mitglied im Deutschen Schaustellerbund e.V. (DSB). Der DSB
repräsentiert über 90 % der bundesdeutschen Schausteller, also rund 4.600 der insgesamt
5.000 Schaustellerbetriebe. Diese mittelständischen Betriebe beschicken mit ihren
Geschäften (deren Zahl deutlich über 5.000 beträgt, da viele Betriebe über mehrere
Geschäfte verfügen) die rund 14.000 jährlich in Deutschland stattfindenden Volksfeste.
Schon Johann Wolfgang von Goethe prägte den Satz:
Der Kirmes ist des Volkes wahrer Himmel.
Aber Volksfeste sind nicht nur eine Stätte des Vergnügens und eine Zauberwelt,
sondern auch ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Laut einer Studie, die im Auftrag des
Deutschen Schaustellerbundes erstellt wurde, erzielen Volksfeste nicht nur Umsätze in
Milliardenhöhe, bringen Steuereinnahmen und sichern zahlreiche Arbeitsplätze. Sie sind
zugleich ein wichtiger Image- und Standortfaktor, der im Bereich des Tages- und
Übernachtungstourismus auch immer stärker zum Tragen kommt.
Ein interessantes und qualitativ hochwertiges Fest hat nämlich unmittelbare Auswirkungen
auf das positive Image einer ganzen Region.
Das geflügelte Wort des ehemaligen Präsidenten der Europäischen Schaustellerunion,
Harry Wollenschlaeger, der nicht am sondern auf dem Volksfest sein
Geld verdienen wollte, steht auch bei unserem Schaustellerverein im Mittelpunkt der
täglichen Arbeit. Wir - unsere Mitglieder - erzielen unsere Gewinne nicht bei der
Organisation und Durchführung von Festen, sondern leben von den Umsätzen, die von
zufriedenen Besuchern erzielt werden.
Moderate Platzgelder, eine gesunde Mischung zwischen Alt und Jung
bei den Fahrgeschäften, eine professionelle Strom- und Wasserversorgung, eine
vorbildliche Abfallentsorgung und auch die Sicherheit auf den Volksfesten ist das, wofür
der Schaustellerverein steht.
Doch heute reicht das Angebot auf den Volksfesten von High-Tech-Fahrgeschäften, von der
Achterbahn bis zur Zuckerwatte. Nostalgische Kettenflieger und Pferdekarussells drehen
sich gemächlich im Kreis, die High-Tech-Geschäfte (Großfahrgeschäfte) laden zu einer
rasanten Fahrt. Spannung und Spaß für Jedermann.
Daher gilt im Schaustellergewerbe - leider - immer schneller, immer höher - auch beim
Kostenanstieg. Vor 20 Jahren kostete ein Karussell komplett etwa 300.000 DM. Heute ist
für ein modernes Fahrgeschäft in etwa mit folgenden Ausgaben zu rechnen:
| Fahrgeschäft (Großfahrgeschäft) | ca. 1 bis 3,5 Mio. | ||
| Beleuchtung und Dekoration | 70.000 bis 100.000 | ||
| Musikanlage | 15.000 b bis 30.000 | ||
| Zubehörfahrzeuge | 150.000 bis 300.000 | ||
| Spezialwerkzeuge, Ladekräne usw. | 150.000 bis 250.000 | ||
| Zugmaschine | 60.000 bis 80.000 | ||
| Personalwagen | 40.000 bis 60.000 | ||
| bautechnische Abnahme, Prüfbuch usw. | 40.000 bis 50.000 | ||
| Kleinteile vom Kabel bis zum ABwasserschlauch | 20.000 bis 30.000 |
Dies zeigt, dass der Kostendruck immer größer und schwieriger wird. Die
Attraktionen im Bereich der Fahrgeschäfte werden immer Investitions- und
kostenintensiver, veralten aber immer schneller. Hierdurch werden die Investitionszyklen
kürzer, bei gleichzeitiger Steigung der Investitions- und Unterhaltungskosten sowie nur
leicht steigenden Umsätzen. Dieses kann zu einem Investitionsstau bei den Betrieben
führen, der langfristig die Attraktivität der Volksfeste negativ beeinflusst. Erste
Tendenzen in diese Richtung sind nach Aussage von Experten bereits erkennbar. Dennoch:
Die Kosten drücken so stark, dass es gerade in dieser Branche schon jetzt und in
absehbarer Zeit zu Kooperationen oder gar Fusionen kommen wird. Das heißt, einzelne
mittlere und große Schaustellerfamilien schließen sich zusammen, bilden z. B. eine GbR
(Gesellschaft bürgerlichen Rechts) und verhandeln dann mit den Großherstellern und
Banken bezüglich der Finanzierung. Im Klartext: Ein einzelner Schausteller kann diese
gewaltigen Investitionssummen nicht mehr allein aufbringen. Auch die Banken verlangen in
der wirtschaftlich schwierigen Zeit immer ein Mehr an Banksicherheiten.
Nun kann man sich natürlich fragen, ob diese Großinvestitionen überhaupt notwendig
sind. Ein klares ja, aber in Maßen. Die großen und mittleren Volksfeste
brauchen auch solche Kracher (Magneten) weil jedes Volksfest auch in
Konkurrenz zu anderen Attraktivitäten wie Freizeitparks steht.
Aber auch unser Nachwuchs in unseren Familienbetrieben ist selbstbewusst und klopft an die
Tür. Junge Schaustellerinnen und Schausteller wollen sich selbständig machen und die
teils über jahrhundert alten Familienbetriebe erhalten und neu beleben. Auch sie müssen
zunächst investieren und auf Jahre teilweise Jahrzehnte ihre Geschäfte finanzieren.
Nicht nur die Investitionskosten bereiten Kopfzerbrechen. Die laufenden Kosten
für,Personal-Aushilfskräfte Standgelder, Strom- und Transportkosten summieren sich bei
modernen Fahrgeschäften auf 1.500 bis 2.000 EUR pro Tag. Bei kleineren Geschäften
belaufen sie sich immer noch auf etwa die Hälfte.
Jeder Schausteller muss also betriebswirtschaftlich genau kalkulieren und abwägen. Viele
Finanzierer, aber auch große Hersteller von Fahrgeschäften drängen selbst auf den Markt
mit eigenen Finanzierungs- und Vermarktungskonzepten.
Aber:
Das Geld für die Kredite/Finanzierung muss aber auf / mit dem Volksfest auch
erst mal verdient werden. Dabei gilt, wie auch in anderen Wirtschaftsbereichen, das Geld
sitzt nicht mehr so locker wie früher.
Die Höhe der Tagesausgaben der Besucher auf einem Volksfest hängt von der Größe des
Volksfestes und von der Kaufkraft im Einzugsbereich der Veranstaltung ab.
Die durchschnittlichen Ausgaben an einem Wochentag betragen rund 80 % der Ausgaben eines
Wochenendtages. Am ausgabefreudigsten sind die 26- bis 40-jährigen und die 41- bis
50-jährigen Volksfestbesucher, während die jüngsten und ältesten am wenigsten
ausgeben. Rund 9 % der Besucher tätigen überhaupt keine Ausgaben während des
Marktbesuches. Die Angestellten sind mit 25,5 % die größte Besuchergruppe unter den
Volksfestbesuchern; es folgt die Gruppe der Schüler, Auszubildenden und Studenten.
Rund 86 % der Volksfestbesucher kommen in Begleitung zum Volksfest.
Nach einer Studie des DSB werden rund 30 Euro pro Person und Besuch ausgegeben. Bei rund
178 Millionen Volksfestbesuchern bundesweit pro Jahr gibt es damit Gesamtumsätze
von ca. 4 Milliarden Euro .
Die Kommunen profitieren nicht nur an den Standgeldern sondern auch indirekt von den
Umsätzen des Marktes. Rechnerisch bedeutet dies, dass pro Besucher und Tag ca. 50 Cent an
Steuereinnahmen an die Kommunen fließen, hat der DSB ausgerechnet.
Die Saison hat kurz vor Ostern schon begonnen und unsere über 120 Schaustellerfamilien
sind vor Ort in der Region auch ein Wirtschaftsfaktor. Diese Familien und ihr Personal
müssen sich und die Jahrmarktbeschicker mit Lebensmitteln versorgen, die Zugfahrzeuge
müssen betankt und repariert werden. Getränke für die Ausschankbetriebe und Stände
müssen gekauft, Zutaten wie Mehl für die Berliner sowie Fisch, Brötchen, Bratwürste
usw. werden vor Ort regional eingekauft.
Die Schausteller nehmen also nicht nur Geld ein. Sie geben auch viel Geld vor Ort wieder
aus.
Fazit
Volksfeste
In einer Gesellschaft, die von Jahr zu Jahr mehr Freiheit genießt und immer mobiler wird,
die aber andererseits durch Isolation und Entfremdung des einzelnen nach neuen Formen des
Zusammenkommens sucht, ist das gemeinsame Feiern ein Grundbedürfnis, dem man nirgendwo so
zwanglos nachkommen kann, wie auf einem Volksfest. Wir Schausteller kennen unsere Besucher
oft schon von Kindesbeinen an. Gemeinsam gilt es, die Tradition zu erhalten, das Licht,
dass die Menschen lockt, darf nicht erlöschen.
Text: Jansen, Verein reisender Schausteller Ostfriesland e.V
Teilweise veröffentlicht in Publikation der Industrie-und Handelskammer für Ostfriesland
und Papenburg "Wirtschaft Ostfriesland & Papenburg", Ausgabe Nr. 5 / Mai
2008